«Spielen ist ein Instrument, mit dem man viele Brücken bauen kann»

Im letzten StadTisch, dem Austauschformat der Plattform GSR zu konkreten Fragen der Stadtentwicklung, war der Verein Archijeunes zu Gast. Archijeunes vermittelt jungen Menschen baukulturelle Themen – und gewährte uns faszinierende Einblicke in ihre innovativen Spielmethoden.

Kann Spielen als vermittelndes Element dazu beitragen, integrativ und ko-kreativ urbane Räume zu entwickeln? Auf diese Frage suchten wir im StadTisch der Plattform GSR (Gemeinde-, Stadt- und Raumentwicklung) zusammen mit dem Verein Archijeunes nach Antworten.

Archijeunes setzt sich in ihrer Arbeit für baukulturelle Bildung in der Schweiz ein. Dazu betreibt der Verein die Plattform www.archijeunes.ch, vernetzt Akteur*innen aus allen Landesteilen, organisiert verschiedene Veranstaltungen und führt Projekte durch. Unter anderem stellt der Verein Schulen interaktive und spielerische Unterrichtsinhalte zur Verfügung – entsprechend reich ist der Erfahrungsschatz, wenn es ums Spielen als Vermittlungs- und Partizipationsmethode geht.

Der Verein Archijeunes vermittelt Baukultur an junge Menschen mit dem Ziel, sie für die Gestaltung ihrer Lebenswelt zu animieren. In der Publikation ‘Play! Spielend Baukultur erkunden’ stellte Archijeunes 24 Spiele für Schulklassen und Lehrpersonen vor. (Quelle: Archijeunes)

Eine Sprache, die alle verstehen?

Kinder eignen sich beim Spielen verschiedene kognitive, soziale, kreative und emotionale Kompetenzen an. Aber auch Erwachsene profitieren von spielerischen Zugängen zu komplexen Aufgaben. Eine gemeinsame Sprache, die Brücken baut. Das macht das Konzept auch für die Stadt- und Raumentwicklung attraktiv: «Spielen ist immer anknüpfbar. Alle können mitmachen», erzählte Petra Stocker, soziokulturelle Animatorin, Raumplanerin und Vorständin der Plattform GSR in der Eröffnungsrunde von ihrer Faszination fürs Spielen.

Die Teilnehmer*innen bildeten eine bunt gemischte Gruppe mit interdisziplinären Hintergründen aus Raumplanung und Architektur.

Eveline Althaus, Geschäftsführerin von Archijeunes, ergänzte: «Es braucht aber auch die Strukturen und die politische Ebene. Die Integration spielerischer Methoden muss gewollt sein.» Zu berücksichtigen sei zudem, dass sich Erwachsene beim Thema Spiel noch nicht immer angesprochen fühlten: «Wenn sie etwas von ‘Spiel’ lesen, schliessen sie daraus, dass es nur für Kinder ist.»

Ansteckende Games und Online-Foren über Lärmbelastung

Andri Gerber, Prof. Dr. in Architektur und Städtebau, ist Präsident des Vereins Archijeunes und stellte der neugierigen Runde  vielfältige Spielprojekte vor, die er mit einem Team an der ZHAW entwickelt hat. In einem davon konnte man während der Corona-Zeit Stadtquartiere digital erkunden. Dabei war man mit einem Virus infiziert – und musste sich mit Abstandsregeln und Dichtethematiken auseinandersetzen.

Im Game «Dichtestress» ist man mit einem Virus infiziert und muss sich durch digitale Quartiere bewegen. (Quelle: Dichtestress, ZHAW 2019, Link)

Zusammen mit einem professionellen Entwicklerbüro hat sein Team auch schon ein Brettspiel produziert, in dem man mit Baumaterialien möglichst ökologische Häuser hochziehen muss: Die beste Ökobilanz gewinnt. Und für Schulklassen gibt es ein digitales Städtebauspiel, in dem Schüler*innen mit vorgegebenem Budget Entscheidungen treffen müssen, die Bevölkerungszufriedenheit und CO2-Bilanz beeinflussen.

«Mich fasziniert, wie man beim Spielen in eine komplett andere Welt eintaucht. So kann man einen Raum auf völlig neue Art erlebbar machen.» Raimund Kemper von der Plattform GSR ist Mitautor des Buchs ‘Die Stadt als Spiel’ und hat den Austausch organisiert. (Quelle: Archijeunes)

Obwohl die Spieler*innen bei einigen Games allein zuhause vor dem Computer sitzen würden, hätten diese auch immer eine Gemeinschaftswirkung: «Es gibt Spiele zum Thema Lärmbelastung, wo sich in Online-Foren Millionen von Beiträgen finden, in denen sich Menschen über Taktiken austauschen», erzählte Andri Gerber begeistert.

Spielen methodisch einbinden

Die grosse Frage aber bleibt: Wie können wir diese innovativen und augenscheinlich erfolgreichen Partizipationsinstrumente in einem Planungsprozess der Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung berücksichtigen? Raimund Kemper, Dozent am Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSAR an der Fachhochschule OST und Vorstand der Plattform GSR, meinte dazu: «Wir müssen über die Fertigstellung eines Projekts hinaus- und in die Aneignung und Nutzung hineingehen.» Allerdings: Die Nutzungsphase geht bekanntlich erst los, wenn das Bauvorhaben beendet ist – ein Dilemma. «Ich glaube, dass wir es schaffen müssen, dass solche Konzepte bereits von Beginn an in der Planung berücksichtigt werden», rundete Eveline Althaus von Archijeunes die Diskussion ab.

Potentiale in der Stadt- und Regionalentwicklung

«Ich sehe bei unserer interdisziplinären Arbeitsweise spannende Verbindungen zu eurem Rollenspiel, das ihr vorhin angesprochen habt. Interdisziplinär zusammenzuarbeiten bedeutet ja auch nichts anderes, als sich der Sicht der anderen Person bewusst zu werden», fügte Sabina Ruff, Prozessbegleiterin, Führungsperson und ebenfalls im Vorstand der Plattform GSR, hinzu.

Spiele haben immer auch eine Gemeinschaftswirkung: «Es gibt Spiele zum Thema Lärmbelastung, wo sich in Online-Foren Millionen von Beiträgen finden, in denen sich Menschen über Taktiken austauschen», so Andri Gerber von Archijeunes. (Quelle: Cities: Skylines (2015), 2023, «Noise pollution»)

Konkret für die Planung würden solche Partizipationsmethoden bedeuten, dass man vor der Bestellung von Rutschen oder Schaukeln die Kinder vielleicht einfach mal spielen lässt. Dazu müsse man sie aber auch ermächtigen. «Häufig wissen sie gar nicht, dass sie einen Raum bespielen und sich austoben dürfen. Obwohl sie ein Recht auf Partizipation hätten», so Ruff.

Zusammenarbeit in der Ausbildung

Für weiterführende baukulturelle Wissensvermittlung und die Integration neuer Partizipationsmethoden ist es zentral, diese den künftigen Stadt- und Raumplaner*innen näherzubringen. «Das ist die Herausforderung: Häufig sind es bereits sensibilisierte Personen, die einen Bezug zur Raumplanung oder Architektur haben, die auf uns zukommen. Eine Durchschlagskraft für unsere Themen ist noch nicht da», erklärte Eveline Althaus von Archijeunes. Umso wichtiger seien Allianzen, wie Kooperationen mit Netzwerken und Vereinen wie der Plattform GSR. Raimund Kemper, Vorstandsmitglied ebendieser, schlug folglich vor, in einem Hochschulsemester eine Exkurseinheit mit Archijeunes anzustreben – eine Idee, die in der Runde auf offene Ohren stiess.

Die angeregte Schlussdiskussion war noch in vollem Gang, als man zeitlich bedingt die Zelte abbrechen musste. Es schien, als wären noch einige Ideen unausgesprochen geblieben. Die Plattform GSR freut sich auf die künftige Zusammenarbeit mit Archijeunes – auf dass bald mehr junge Menschen ihre Lebenswelten mit spielerischen Methoden gestalten und in der Stadt- und Raumplanung soziale Räume ausschweifend bespielt werden können.

Plattform GSR: Aktives interdisziplinäres Netzwerk

«An den Veranstaltungen der Plattform GSR gefällt mir der Austausch mit Fachpersonen jeglicher Couleur am meisten. Man lernt regelmässig etwas über völlig unterschiedliche professionelle Perspektiven», sagte Simon Flückiger, Master-Student im Studiengang Kollaborative Raumentwicklung, zum StadTisch. Genau das ist das Ziel der Plattform GSR: Wir vernetzen engagierte Menschen der Gemeinde, Stadt- und Regionalentwicklung. Dabei setzen wir uns für lebendige Quartiere, eine nachhaltige Zukunft und die Partizipation der Bevölkerung ein.


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